Stilkunde
Nach dem Weltuntergang wird eine heilige Stadt aus dem Himmel niederfahren.
So sieht es Johannes in seiner endzeitlichen Vision (Offenbarung 20.21). Es ist das "neue Jerusalem", in dem die Herrlichkeit Gottes leuchtet wie ein heller Edelstein.
Die gotische Kathedrale ist ein Sinnbild des neuen, utopischen Jerusalems. Jedoch musste das eindringende, weltliche Licht gewissermassen aufbereitet werden. Das Licht musste, um in den Innenraum zu gelangen, die Bilder in den Glasgemälden durchdringen. Die Kirche und ihre Besucher wurden also dank den Glasmalereien in gleichsam "getauftes Licht" getaucht. In diesem Sinn ist es verständlich, wenn die Baumeister und Architekten bemüht waren, die Mauern mit immer grösseren Fensteröffnungen zu durchbrechen.
Luna, Kathedrale von Lausanne, 13. Jh.
Fünf Merkmale frühgotischer Glasmalerei:
Der gotische Skelettbau
Die Mittel dieser architektonischen Revolution sind der Spitzbogen, das Kreuzrippengewölbe und das Strebewerk. Das Gewicht der Gewölbedecke wird von den Strebebögen in den äusseren Bereich der Kathedrale geleitet und von den massigen, mit Fialen beschwerten Strebepfeilern aufgefangen. So entsteht ein Gefüge aus geordneten Kraftlinien, das das Bauen in bisher unerreichten Dimensionen ermöglicht. Tragendes Mauerwerk ist gänzlich überflüssig und wird durch riesige Fensteröffnungen ersetzt. Diese Fensteröffnungen werden ihrer Grösse wegen in mehrere Lanzetten unterteilt, welche sich gegen oben in ein Masswerk auflösen.
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